Persönliche Erinnerungen an unser Ehrenmitglied Prof. Dr. Horst Kühn

Ein „Wessi“ über einen „Ossi“ in zeitkritischer Perspektive

Ein Beitrag des Vereinsvorsitzenden Günther Hennig

Vor mir auf dem Schreibtisch liegt ein Schreiben vom 20.12.1990 der

Gemeinsamen Einrichtung der Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen für die Aufgaben in Bildung und Wissenschaft – der Leiter“:
Bittere Erinnerungen...

„Infolge des Einigungsvertrages kommt das Arbeitsverhältnis derjenigen Arbeitnehmer, die nicht weiterbeschäftigt werden, zunächst zum Ruhen. Zu meinem Bedauern muß ich Ihnen davon Kenntnis geben, daß auch das mit Ihnen bestehende Arbeitsverhältnis aufgrund des Einigungsvertrages mit Wirkung vom 01. Januar 1991 ruht.“
„… Ihre zuständige Abwicklungsstelle ist:
Abwicklungsstelle der ehemaligen Akademie der Pädagogischen Wissenschaften bei der „Gemeinsamen Einrichtung der Länder …, Otto-Grotewohl-Str. 11, Berlin 0-180“

Dieses Schreiben beinhaltete einen herben Einschnitt in das Leben des damals 60jährigen Horst Kühn selbst und seine wissenschaftliche Laufbahn. Ich als „Wessi“ erfuhr erst viel später durch persönliche Kontakte und Mitglieder unseres Institutes, mit welcher unglaublichen Arroganz und ohne im Mindesten mit der Idee einer sinnvollen und begründbaren Differenzierung im Rahmen der „Vereinigung“ zweier Staaten zu einem vorgegangen wurde. Wer in DDR tätig gewesen ist, dem wurde gnadenlos gekündigt. Auf der anderen Seite strömte ein Heer von „Wessis“ in die ehemalige DDR ein und besetzte in der Folge die auf diese Art und Weise frei gewordenen Stellen.

Neben dem tiefgreifenden Einschnitt in das Leben und die wissenschaftliche Tätigkeit hochrangiger und bedeutender Wissenschaftler hatten die Maßnahmen von 1990 auch Folgen für die Entwicklung u.a. der pädagogischen und psychologischen Wissenschaften. Diesbezüglich möchte ich Horst Kühn an dieser Stelle noch einmal direkt zu Wort kommen lassen:

Die kritische Sichtung der Erkenntnisse, die die Entwicklungspsychologen in der DDR gewonnen haben, steht noch am Anfang bzw. hat noch gar nicht begonnen. Sie dürfte nicht nur historische Erkenntnisse über die Entwicklungspsychologie in der DDR erbringen, sondern auch Anregungen, Diskussionen, Fragestellungen hervorbringen, die der weiteren Entwicklung des Fachgebiets dienlich seien dürften. Haupthindernis für eine solche Sichtung scheint gegenwärtig noch der einseitige sozialgeschichtliche Blick auf ihre Dynamik, der oftmals nur ideologisch gespeist wird und sich des „Totschweigens“ als Mittel der kritischen Betrachtung bedient. Es bedarf demgegenüber auch und vor allem des Blickes auf die eigengesetzliche Entwicklung des betrachteten Gegenstandes. Es sollten nicht noch einmal 15 Jahre vergehen, bis die gewonnenen Erkenntnisse in den wissenschaftlichen Diskurs einbezogen werden.“
(Horst Kühn. Entwicklungspsychologie in der DDR — Bleibendes und Vergängliches. In Geschichte der Psychologie Nr. 44 – 2005)

Bittere Erinnerungen...

Ich als Wessi habe bei einem Professor wie Horst Kühn, der fast sein ganzes Leben lang im Osten geforscht und gelehrt hat, sehr viel von dem gelernt, was mir bei Vielen, die im Westen gelehrt haben, einfach gefehlt hat.

Ich habe bei Horst Kühn gelernt, wie wichtig es ist, ganz und gar bei dem Kind, bei den Jugendlichen zu sein, sie zu verstehen – ihr Denken und Fühlen. Horst Kühn war bei seinem wissenschaftlichen Tun und Arbeiten immer nah am Menschen selbst. Seine psychologischen Untersuchungen bezogen sich grundsätzlich auf lebensnahe Entwicklungen und Beziehungen. Es ging ihm darum, die psychologischen Grundlagen der Persönlichkeitsentwicklung im pädagogischen Prozess herauszuarbeiten – letztlich als Grundlage für die Tätigkeit der Pädagogen.

Selbst im Alter von 90 Jahren hatte er immer ein offenes Ohr für unsere Fragen und wir erhielten Antworten, die wir vorher in dieser Klarheit, einem tieferen wissenschaftlichem Verständnis und Vorgehen, aber auch in der berührenden Verständlichkeit von so manch anderem nicht erhalten hatten. Im Ergebnis konnte das Institut für angewandte sozialwissenschaftlich Forschung e.V. durch die kräftige Mithilfe von Horst Kühn im letzten Jahr (2021) ein Werk veröffentlichen, das in der pädagogischen Öffentlichkeit sehr gute Bewertungen erhält: „Gemeinsinn in der Klasse schaffen“.

Danke an Horst Kühn für die vielen, für mich so wertvollen Austausche, Deine Ideen, Deine Zugewandtheit zu den jungen Menschen, deren günstige Entwicklung Dein wissenschaftliches Tun lebenslang bis ins hohe Alter gegolten hat.

Lieber Horst, Du wirst uns sehr fehlen. Deine Gedanken und Ideen sind weiter in unseren Köpfen. Ganz sicher und wohl verwahrt bleiben die Gedanken an Dich in tiefer Dankbarkeit in unseren Herzen.

In tiefer Dankbarkeit...

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