Zum Gedenken an Gerhard Witzlack

 Veröffentlicht von am 25.01.2018  Kommentieren
Jan 252018
 

Gastbeitrag von Gerald Matthes

Die befürchtete Nachricht ist eingetroffen. Prof. Dr. habil. Gerhard Witzlack ist am 11. Dezember 2017 im Alter von 86 Jahren gestorben. Traurigkeit; da waren in den letzten Jahren viel zu wenige persönliche Begegnungen, trotz empfundener Nähe. Meine Gedanken gehen zurück in die Jahre der engen Zusammenarbeit von 1974 bis 1989; er als Leiter der Abteilung Entwicklungsdiagnostik des Instituts für Pädagogische Psychologie der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, ich als einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter, die in dieser Zeit mit ihm gemeinsam in der Max-Kreuziger-Schule in Berlin Friedrichshain, unsere Forschungsschule, arbeiten konnten. Gerhard war ein fördernder Begleiter und Freund.

Einen Nachruf in deutschen wissenschaftlichen Zeitschriften hat es meines Wissens bislang nicht gegeben. Die Institute, in denen Gerhard Witzlack wirkte, wurden bald nach der Wende geschlossen; Periodika, in denen er hauptsächlich publizierte, haben es im vereinigten Deutschland nicht geschafft. Umso erfreuter war ich über den Nachruf auf der Webseite der Moskauer Universität und die von Akademiemitglied Prof. Vitali V. Rubzow verfasste Würdigung im Band 6 des Journals “Psychological Science and Education” [Kopie].

Welche Spuren hat Gerhard für uns hinterlassen, was besteht in seinem Fachgebiet fort, in der pädagogisch-psychologischen Diagnostik und Förderung? Ich überlege: Hätte Gerhard sich solche Fragen gestellt? Doch, ich glaube schon, denn er wollte Wirkungen auslösen und Spuren hinterlassen. Zunächst: Hundertausende Kinder, die in der DDR aufgewachsen sind, hatten die Vorschulfibel Gerhard Witzlacks so oft in der Hand, dass dem Buch am Ende anzusehen war, wie es das Kind begleitet und ihm Freude bereitet hatte. „Bald bin ich ein Schulkind“ zeichnet sich durch viele lebensnahe, auf Kinderwelt und Kindermotivation hervorragend abgestimmte Übungen aus. Die unvergänglichen Klemke‘schen Bilder zogen den Blick der Kinder auf sich. Das war ein Werk, in das Gerhard Witzlack viel Herzblut investiert hat und das hier als Beispiel für die Arbeiten steht, die sich direkt an die Kinder gewendet haben. Für viele Lehrerinnen und Lehrer, für pädagogische Psychologinnen und Psychologen in der DDR war Gerhard Witzlack eine wichtige und vertraute Persönlichkeit. Er meldete sich zu Wort und hatte den Mut zu manch kritischer Äußerung. Seine Publikationen wurden erwartungsvoll aufgegriffen und sie enttäuschten die Erwartungen nicht. Die Themen drücken sich in den Titeln aus, zum Beispiel: „Beiträge zur Verhinderung des Zurückbleibens“, „Zur Diagnostik und Entwicklung der Schulfähigkeit“, „Einführung in die Psychodiagnostik in der Schule“. Diese Bücher erschienen in hohen Auflagen. Sie wurden genutzt, weil es Werke waren, die im besten Sinne vom Kinde ausgingen, getragen von der Perspektive der Förderung ihrer Persönlichkeit. Die Witzlack’sche Diktion erreichte die Praxis und war keinesfalls normativ abgehoben. Da gab es kein: „Der Lehrer soll …“, „Der Lehrer hat zu berücksichtigen, dass …“. Die Sprache war konkret, die Überlegungen und Impulse praxisrelevant und verständlich. Zu den wichtigsten Projekten, auch nach der deutschen Einheit, gehörten jene, die sich mit der flexiblen Schuleingangsphase beschäftigten und aus denen auch im Land Brandenburg viele Anregungen geschöpft wurden.

Ich glaube, in diesen praxisbezogenen Arbeiten und seinem Gespür für die realen Problemlagen hat Gerhard breite Wirkungen hinterlassen. Doch auch in der wissenschaftlichen Entwicklung seines Fachgebietes wirkt seine Art weiter. Wissenschaft war ihm kein Feld bloß sachinhaltlicher Modellentwicklung. Es war ihm ein Anliegen, mit dem er Lebenssinn verband und das er mit großem und mitreißendem Engagement betrieb. Daraus resultierten seine vorwärtsdrängende Unruhe, seine Fähigkeit und Bereitschaft zur Aufnahme von Anregungen, seine unkonventionelle Art. Jene Kolleginnen und Kollegen waren ihm die liebsten, die ernsthaft um wissenschaftliche Verifikation bemüht waren. Das forderte er auch von seinen MitarbeiterInnen und DoktorandInnen. In Erinnerung bleiben wird seine kommunikationsstarke Art der Diskussion und sein modernes Menschenbild, wonach Kinder sich aus sich selbst heraus entwickeln, dafür aber eine passende, anregende Umwelt benötigen. Optimistische, aktivierende Stimmen, wie die seine eine war, Stimmen, die sich gegen Stillstand und Resignation wenden, benötigt unsere schwierige Zeit dringender denn je.

Meine Arbeit „Oberziel: positive Lernsituation“ (Publikation in Vorbereitung) widme ich postum meinem Lehrer und Förderer Gerhard Witzlack.

Berlin, im Januar 2018                                   Prof. Gerald Matthes

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