Dez 212017
 

Nachruf für Prof. Dr. habil. Gerhard Witzlack, Gründer und langjähriger Direktor des Instituts für angewandte sozialwissenschaftliche Forschung (IsF e.V.)

Mit dem Tod von Gerhard Witzlack trauern wir um einen sehr verdienstvollen psychologischen Wissenschaftler, der in seinem Leben sehr viele wertvolle Beiträge zur Pädagogischen Psychologie, insbesondere zur pädagogisch-psychologischen Diagnostik geleistet hat.

Schon in seiner Diplomarbeit wandte er sich unmittelbar praktischen Fragen der Psychologie zu, indem er die „Ideal- und Wunschwelt der Berufsschuljugend“ empirisch untersuchte. Das ist eine Arbeit, die insbesondere für historisch arbeitende Psychologen von Interesse ist, weil sie die Jugendlichen in der unmittelbaren Nachkriegssituation untersuchte.

Nach einem relativ kurzen Ausflug in die Arbeitspsychologie wandte er sich als Lehrer am Institut für Lehrerbildung (IfL) in Berlin dem Psychologieunterricht zu und erhielt sehr bald einen Lehrauftrag von der Humboldt-Universität für die Methodik dieses Faches am IfL.

Nach seiner Rückkehr von einem einjährigen Zusatzstudium in Moskau wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Pädagogischen Zentralinstituts (DPZI). In dieser Funktion hatte er einen entscheidenden Anteil am Aufbau einer ersten Forschungsschule, die in einer regulären Schule, der „Max-Kreuziger-Schule“ in Berlin-Friedrichshain, eingerichtet wurde. Für diagnostische Zwecke wurde es dadurch möglich, Hospitationen, Foto- und Filmaufnahmen vom Unterrichtsgeschehen zu machen, um so Vorgänge des seinerzeit üblichen frontalen Unterrichts genauer zu beobachten, ohne die Lernsituation durch die diagnostische Methode zu beeinflussen. Seine Arbeiten mündeten in eine viel beachtete Dissertation in Leipzig mit dem Titel „Zur Psychologie des Frage- und Antwortgeschehens in der Unterstufe“. Sie knüpfte unmittelbar an Untersuchungen an, die Winnefeld in Halle durchgeführt hatte und deckte bisher unbeachtete Tendenzen im Unterrichtsgeschehen auf, die die Lernvorgänge der Schüler behinderten.

 
Nachfolgend rückten in der damaligen DDR das Zurückbleiben von Schülern im Unterricht und die Ausgangsprobleme der Schullaufbahn ins Blickfeld der Bildungspolitik, dem sich Witzlack mit seinen Untersuchungen zur Schulfähigkeit sehr intensiv zuwandte. Er entwickelte „Prinzipien und Methoden der Schulfähigkeit“. Seine Arbeiten machten deutlich, dass die „Schulfähigkeit“ nicht in erster Linie als ein biologisches Problem anzusehen ist, sondern als ein psycho-physisches Problem im Kontext mit den schulischen Anforderungen. Das führte in der DDR – vor allem auch durch seine Initiative – zur wachsenden Bedeutung des Psychologen im Einschulungsprozess und damit auch der kindlichen Tätigkeiten des Schulanfängers. (Witzlack, 1972).

Auch im Bereich der Vorschulerziehung, die in der ehem. DDR für eine lange Zeit und einen relativ großen Teil von Kindern in der Familie erfolgte, leistete Witzlack Beachtliches. Mit Hilfe seines Bestsellers „Bald bin ich ein Schulkind“ (Witzlack 1968) gab er den Eltern ein Hilfsmittel in die Hand, ihre Kinder erfolgreich auf die Schule vorzubereiten, was Beachtung sowohl in der DDR als auch in der alten Bundesrepublik fand (Klett Verlag, Stuttgart 1971)

Im Ergebnis seiner Arbeiten zur Schulfähigkeit, gelang es ihm, ein Einschulungsverfahren zu entwickeln, das in der DDR zunehmend Anwendung fand und auch den Einfluss jener Mediziner auf die Einschulungsuntersuchungen etwas zurückdrängte, die der biologischen Reife einseitig die alleinige oder hauptsächliche Bedeutung beimaßen.

Seine Arbeiten zur Schulfähigkeitsdiagnostik führten ihn schließlich zu den Grundsätzen einer „tätigkeitsorientierten Diagnostik“, mit denen er auch seine Habil.-arbeit abschloss. Danach beginne diese spezielle Diagnostik mit der „Analyse der objektiven Anforderungsstrukturen von gesellschaftlich relevanten Sachverhalten und deckt die psychische Struktur der Tätigkeit und deren psychische Regulationsmechanismen auf. Tätigkeitsorientierte Diagnostik sei also primär Prozessdiagnostik und verlange Messmethoden, die nicht nur Veränderungseffekte messen, sondern die den Prozess der Veränderung selbst diagnostizieren“ (Witzlack 1977, S.110).

Als ein Beispiel für eine solche Herangehensweise sei das in den 80er Jahren in Angriff genommene Experiment von Schmidt-Kolmer/Witzlack, angeführt, in dem entwicklungsrückständige Kinder im Alter von 3 Jahren untersucht wurden und dann drei Jahre Fördermaßnahmen aufgewandt wurden, um ihre Entwicklungsrückständigkeit zu überwinden, um sie an eine erfolgreiche Schullaufbahn heranzuführen. Danach sollten erneut Schulfähigkeitsuntersuchungen stattfinden. Diese Untersuchungen konnten und wurden nach der Wiedervereinigung nicht weitergeführt.

Denn zu diesem Zeitpunkt verschlechterten sich die Bedingungen für die Weiterführung von Forschungsarbeiten, die in der DDR begonnen worden waren. Jedoch Gerhard Witzlack gab sich nicht mit seiner Rolle als „Übergänger zur Rente“ zufrieden – was ihm im Alter von gerade mal 60 Jahren zugemutet wurde – und gründete mit Gleichgesinnten das „Institut für angewandte sozialwissenschaftliche Forschung“, das sich um weitergehende Forschung bemühte und dem er bis zu seinem Tode vorstand.


Prof. Dr. Dr. Gerhard Witzlack war seit 1997 ordentliches Mitglied der Russische Akademie für Pädagogik und Sozialwissenschaften.
2014 wurde er mit der G.I. Chelpanov Medaille (erster Klasse) ausgezeichnet.

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